Film Idee

Der Stadtteil

In St. Pauli wohnen fast 28.000 Menschen. Der Stadtteil ist geprägt von Toleranz und Vielfalt. Neben Rotlichtmilieu und bürgerlichem Wohnen finden sich im Stadtteil vielfältigste alternative Lebensformen, Menschen unterschiedlichster kultureller und ethnischer Herkunft leben hier auf engstem Raum zusammen. Soziale Netzwerke, gegenseitige Hilfe, die Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe prägen St. Pauli aufgrund seiner speziellen geschichtlichen Entwicklung. Hier standen viele Leute schon immer etwas außerhalb der Gesellschaft und waren stärker aufeinander angewiesen als in wohlhabenderen Gegenden der Stadt.

Heute sind St. Pauli und vor allem „der Kiez“ das Aushängeschild Hamburgs. Etwa 22 Millionen Touristen pro Jahr mit zahlreichen Großveranstaltungen sind für die BewohnerInnen des Stadtteils gleichzeitig Belastung und wirtschaftliche Chance. In diesem Spannungsfeld spielt sich zurzeit auch eine Entwicklung ab, die für innenstadtnahe Altbauquartiere auch in anderen Großstädten typisch ist und unter dem Stichwort „Gentrifizierung“ diskutiert wird. Die Mieten steigen rasant, Wohnungen werden in Eigentum umgewandelt, Abriss und Neubau finden statt, das lokale Gewerbe verändert sich. Die häufig einkommensschwache, oft auch migrantische Bevölkerung kann sich ihren Stadtteil immer weniger leisten bzw. ist von Verdrängung bedroht. Die Situation in St. Pauli ist exemplarisch für aktuelle und potentielle Gentrifizierungskonflikte. Zu den Folgen zählen unter anderem das Zerreißen gewachsener sozialer Netze durch erzwungenen Wegzug, das Verschwinden urbaner Vielfalt und lebendiger Nachbarschaft und eine zunehmende Homogenisierung von Bevölkerung, Gewerbe und Architektur. Spürbar nimmt auch Enttäuschung über, Wut auf, sowie Entfremdung und Abwendung von der etablierten Politik und ihren Institutionen zu. Viele BewohnerInnen sind aufgrund mangelnder Ressourcen wie Bildung und Selbstvertrauen nicht in der Lage, aktiver Teil der BürgerInnengesellschaft zu sein und ihre Interessen und Bedürfnisse in die Entwicklungen einzubringen. Gleichzeitig gibt es nicht wenige BewohnerInnen, die sich aktiv für den Stadtteil interessieren und dazu Ideen und Vorschläge haben.

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Worum es geht: Die ESSO-Häuser

An dem Konflikt um die ESSO-Häuser lassen sich exemplarisch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen erkennen:
Die so genannten ESSO-Häuser liegen direkt am Spielbudenplatz. Neben der »Kiez-Kult-Tanke« von ESSO - incl. Waschstraße und Tiefgarage – befinden sich dort ca. 110 Wohnungen sowie einige Clubs und andere Gewerbe: u.a. Molotow, Meanie Bar, Planet Pauli, ein Auto-Hotel und ein Sex-Shop.
Die Bewohner-Innenschaft zeichnet sich unter anderem durch eine enorme Heterogenität in kultureller, sozialer und ethnischer Hinsicht aus und bildet damit die Vielfältigkeit ab, die zurzeit St. Pauli noch charakterisiert. In den ESSO-Häusern gibt es sogar noch BewohnerInnen der ersten Stunde, die dort Anfang der 60er als Erstmieter eingezogen sind.
Familie Schütze, langjährige Besitzer des Grundstücks und Betreiber der ESSO–Tankstelle, hat das Grundstück 2009 an die Bayerische Hausbau GmbH verkauft. Auf ihrer Homepage wirbt die Bayerische Hausbau unter anderem damit, dass sie für ihre Immobilien »maßgeschneiderte, mittel- und langfristige Strategien für deren dynamische Wertsteigerung entwickeln. Unsere Immobilien zeichnen sich durch eine zentrale Lage, erstklassige Nachbarschaft und eine optimale Infrastruktur aus«.

Die Bayerische Hausbau möchte die alten Gebäude abreißen und durch profitablere Neubauten ersetzen. Die jetzigen BewohnerInnen können - nach Aussage der neuen Eigentümer - später in die neuen Wohnungen zurückkehren. Dennoch gibt es Widerstand gegen die Pläne der Investoren: in der »Initiative ESSO-Häuser« haben sie sich mit NachbarInnen und StadtteilaktivistInnen zusammengeschlossen und kämpfen für den Erhalt der Häuser und gegen die Verdrängung. Der Film begleitet diese Prozesse.

Wir möchten in unserem Dokumentarfilm beide Seiten zu Wort kommen lassen: die GegnerInnen ebenso wie die BefürworterInnen eines Abrisses sollen die Gelegenheit haben, vor der Kamera ihren Standpunkt darzulegen. Stellvertretend für die Politik möchten wir beispielsweise den Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte zur Umsetzung der behördlichen Vorschriften wie Bebauungsplanänderungen sowie die konkrete Gestaltung von Beteiligungsprozessen befragen. Von den Investoren wollen wir gern erfahren, warum sie in St. Pauli investieren und wie sie zu den Gegenargumenten ihrer Pläne stehen. Interessant wäre es auch zu hören, warum Familie Schütze als Inhaber der ESSO-Tankstelle überhaupt an die Bayerische Hausbau verkauft hat.

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Zeitplan (nicht mehr aktuell) und Technisches

  • Zeitraum 2012 – 2013
  • Recherche, Drehzeit: Januar 2012 bis August 2013
  • Schnitt: Juli 2013 bis Dezember 2013
  • Fertigstellung: Januar 2014
  • Format: HD
  • Länge: 60 - 90 Minuten

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